Theater

Theater spielen ist eine Eigenschaft oder ein Interesse, die eigentlich in jedem Menschen von Kindheit her schon vorhanden ist. Als Kind ist es noch Spiel und macht Spass, später dann wird dieses "Theater" mehr und mehr fest ins wirkliche Leben übernommen, es wird immer mehr zum Ernst. Ich habe aber das Theater als Spiel später als Erwachsener wieder entdeckt. Bei der Freien Bühne Uster, wo ich bereits seit vielen Jahren aktiv dabei bin, und gelegentlich auch bei der Dorfbühne Wermatswil oder im Theaterstudio Synthese. Meine erste Rolle hatte ich im Stück "Mer läbt nur eimal", ein turbulentes Stück, bei dem jeweils bis zu 18 Personen gleichzeitig auf der Bühne standen, inklusive Rauch, Explosion, Musik und Tanz. Weitere bekannte Theaterstücke worin ich spielte waren: in "D' Muusfalle" den Edouard Carmichel, als Verwaltungsrat in "Drei Männer im Schnee","OTELLO darf nicht platzen" als Tito Morelli, als Vic Johnson in "Funny money" und in "Die kleine Niederdorf-Oper" hatte ich meine Wunschrolle als André. Im Musical "Bibi-Balú" stand ich hinter der Bar als Barmann Mario. *

 

In der heutigen Zeit ist es vor allem für Männer immer schwieriger geworden, sich im privaten Bereich über ein paar Monate hinweg etwas stärker für eine Sache zu engagieren. So leider auch beim Theater wo es relativ schwierig ist, Männer - vor allem jüngere - für eine Produktion zu gewinnen.

 

Die meisten Leute, die über das Theaterspielen diskutieren, erwähnen als Erstes die Furcht vor dem "vor den Leuten zu stehen". Als Zweites kommt dann das Auswendiglernen das sie anscheinend verlernt hätten. Das Erste kann ich verstehen, entweder man macht "es" gern oder man hat Angst davor. Ich jedenfalls brauche diesen Adrenalinschub kurz vor der Vorstellung, so wie andere zum Beispiel Bungie-Jumping oder ähnliches betreiben. Zum Zweiten, dem Auswendiglernen kann ich nur sagen: "Lernen, lernen, lernen. You can get it if you really want".

 

Wir proben jeweils zweimal in der Woche, dazu kommen noch einige Samstage und ein paar Sonntage. Im Gegensatz zu einer sportlichen Teamtätigkeit fällt hier ein Fernbleiben viel stärker ins Gewicht. Wir spielen alles ohne Doppelbesetzung, das heisst, wenn jemand ausfallen würde müsste die ganze Vorstellung abgesagt werden. Bis heute ist das aber noch nie vorgekommen. Interessanterweise wird auch während dieser Zeit niemand von den Spielern ernsthaft krank, höchstens nach der letzten Vorstellung. Vor sechs Jahren, als ich gerade bei einem neuen Arbeitgeber anfing, musste ich genau zwischen zwei Vorstellungen zu einer 2-tägigen Ausbildung nach Hannover. Die Ankunft meines Rückflugs war um 19:00 Uhr, die Vorstellung konnte aber pünktlich um 20:00 Uhr beginnen, da ich erst etwas später im ersten Akt zum Einsatz kam und ich so als letzter geschminkt wurde.

 

Beim Theater-Spielen ist es meistens so, dass ich etwas ganz anderes darstellen kann als ich in Wirklichkeit bin. Ich habe so die Möglichkeit, einmal die Welt - oder auch nur meine Mitmenschen - von einem ganz anderen Standpunkt her zu betrachten. Während ich spiele "bin" ich ganz diese Person, die ich verkörpern muss - ich versuche es wenigstens. So erlebe ich oft Eindrücke, die ich vorher als normales "Ich" gar nie wahrgenommen habe. Spielte ich zum Beispiel den wirren Carmichel im Stück "D' Muusfalle" richtig echt, so waren die Zuschauer bis zum Schluss überzeugt, dass ich der Täter sei obwohl sie die Geschichte schon kannten.

Die Tote, die in der Mitte des Bildes am Boden liegt, wurde soeben entdeckt. Sofort beginnen die Schuldzuweisungen dem von der Treppe her kommenden Edouard Carmichel (Daniel Jeanneret.Gris).

D' Muusfalle - Frühling 1991 

Ähnliche Situationen habe ich auch an Schulungen oder Seminaren erlebt. Bei vielen Kursleitern an Verkaufs-Trainings sind "Szenen", oder man sagt auch "Fallbeispiele" sehr beliebt. Nur spielt man dort eben sich selbst oder versucht sich einigermassen so geben wie man nach Abschluss des jeweiligen Kurses wirklich sein sollte. Das ist viel schwerer, vor allem wenn man dabei keine Regievorgaben und -korrekturen erhält und zum Schluss von allen nur kritisiert wird.

 

Bei unseren Theater-Proben wird sehr kreativ gearbeitet. Oft werden Szenen in verschiedenen Varianten durchgespielt bis die Regie zufrieden ist. Wir sind ja Laienspieler und keine Profis bei denen sehr hohe schauspielerische Fähigkeiten Voraussetzung ist. Als sogenannter Laiendarsteller darf ich auch mal einen eigenen Charakterzug durchblicken lassen. Die Regie hat es damit natürlich nicht gerade leichter, sie muss eben mit dem "Material" arbeiten, das verfügbar ist. Da kommt es vor, das ich nach einer Szene hundert Prozent überzeugt bin von meiner Leistung, doch was sagt der Regisseur? "Nein! So nicht. Das glaubt dir niemand. Spiel das mal richtig - So!". Und dann der übliche Spruch: "Mer macheds nomal!".

 

So gibt es sehr viele Unterschiede im Vergleich zum Profi-Theater. Wir als Laien möchten uns auch nie anmassen, die Leistung von Profis mit der von uns zu vergleichen. Als Gegenleistung würden wir auch nie eine Gage verlangen, uns genügt der Applaus des Publikums (Bild 2) und ein gutes Abschluss-Essen. Volkstheater-Vorstellungen bringen ein anderes Publikum als bei Profibühnen, es ist toleranter und begeisterungsfähiger. Die Zuschauer wissen, dass wir auf der Bühne die gleichen Voraussetzungen haben wie sie selbst - also, was wir können, könnte jeder von ihnen auch!

Schlussapplaus

D' Muusfalle - Frühling 1991 

Als Mitglied bei einem Theaterverein gibt es auch viele interessante "Neben-Jobs" vor und hinter der Bühne. Hat jemand bei einer Aufführung einmal keine Rolle, so ist man selbstverständlich trotzdem "dabei". Das kann beim Bühnenbau sein, bei der Technik, beim Schminken, im Theater-Café oder an der Kasse und so weiter. Auch als Nichtspieler ist man ab und zu bei den Probenarbeiten dabei. Es gibt immer etwas zu lernen oder zu lachen. Die Spieler möchten ja auch schon beim Proben wissen wo die "Lacher" sind oder was nicht so ankommt.

 

Unsere Theatergruppe organisiert jedes Jahr einen internen Theater-Kurs mit unterschiedlichen Schwerpunkt-Themen. An diesen Kursen können alle Mitglieder teilnehmen, auch wenn sie nie - oder noch nicht - auf der Bühne stehen. Als Kursleiter holen wir uns dazu möglichst Profis, wie zum Beispiel Albi Brunner von COMART in Zürich. Dabei erleben wir ab und zu die Grenze zur harten Schule des Profi-Theaters. Nicht dass ich keine Lust dazu hätte - aber ich bin meist froh, mich anschliessend wieder meinen technischen Problemen als IT-Consultant widmen zu können.

 

Daniel Jeanneret.Gris

* letzter Nachtrag: Juni 2005