Wachsamkeit ist angebracht,  Verteufelung dumm

von Oskar Fehrenbach

 

 

DAS ZEITALTER DER INFORMATION UND SEINE SCHWARZSEHER 

 

Verkabelung, Satellitenfemsehen, Bildschirm-Zeitung: die sogenannten «neuen Medien» sind im Anmarsch, Politiker entdecken sie als Bestätigungsfeld, Kulturpessimisten erheben Warnstimmen. Der Autor dieses Beitrags, Oskar Fehrenbach, war Chefredaktor der «Stuttgarter Zeitung», ehe er Von der Verlagsgruppe der «Stuttgarter Zeitung» zum Beauftragten für neue Medien ernannt wurde.

 

Was sind das eigentlich: die neuen Medien? Wird diese Frage, mit der so viele im dunkeln tappen, ausschliesslich auf die technologischen Aspekte reduziert, dann lässt sie sich mit einem einzigen, unscheinbaren Satz beantworten: Die «neuen» Medien beruhen in Wahrheit nur auf der immer enger werdenden Verflechtung längst erprobter und vielfältig genutzter Technologien. Für die Fachleute handelt es sich um lauter alte Bekannte. Nichts von Bedeutung muss erst noch entdeckt oder erfunden werden. Neu und sogar sensationell ist allein die rasante Steigerung und Erweiterung der Nutzungsmöglichkeiten, die sich aus der totalen Verknüpfung und Vernetzung der vorhandenen Systeme ergeben. Beispiel: Das Kabelfernsehen ist kein anderes Fernsehen als das altvertraute. Es gibt nur einen entscheidenden Unterschied: im Kabel können unendlich viel mehr Programme vermittelt werden als über die bestehenden Sender mit ihren Frequenz-Engpässen. Ausschliesslich diese Tatsache bewirkt den medienpolitischen Dammbruch. Die bestehenden Monopole verlieren ihr Existenzrecht.

 

Bricht deshalb schon die medienpolitische Sintflut über uns herein? Sicher nicht. Der spiralförmige Potenzierungsprozess der verschiedenen Technologien bis hin zu einem universalen Verbund wird wesentlich langsamer vor sich gehen als erhofft oder befürchtet. Wenn man denn schon von technologischer Revolution spricht, dann muss man sagen, dass sie auf leisen Sohlen kommt und keineswegs über Nacht mit einem «Urknall» alles auf den Kopf stellt. Sie ist langsam, aber gründlich - alles weit übertreffend, was es an Veränderungsprozessen in der Industriegeschichte bisher gegeben hat.

 

Mangel an nüchternen Analysen

Bei dem Wort «Revolution» wird natürlich alle Welt hellhörig. Aber auch hellsichtig? Es hat nicht den Eindruck. Zwar besteht an negativen Prophetien, an Warnungen und Reizvokabeln wie «Videotie», «der verkabelte Mensch», «Jobkiller» kein Mangel, wohl aber an nüchternen Analysen, die zwischen Beweisbarem und blosser Spekulation trennen. Wie der Historiker Jacob Burckhardt gesagt hat, ist ein Narr, wer glaubt, die Zukunft voraussagen zu können. Relativ leicht sind zwar die langfristigen Trends zu erkennen, also die Fluchtlinien der permanenten technischen Perfektion. Nahezu völlig offen ist dagegen das weite Feld der praktischen Auswirkungen, der ökonomischen, medienpolitischen und sozialen Strukturveränderungen. Buchstäblich «unberechenbar» sind beispielsweise die Reaktionen des Marktes. Und von ihm hängt nahezu alles unmittelbar ab. Wollen die Fernsehkonsumenten mehr Programme? Wird der «Benutzer» das Angebot annehmen, das über Bildschirmtext gemacht wird? Gibt er Geld aus für die Zusatzgeräte? Präzise Auskunft ist nur zu erwarten, wenn das Angebot konkret vorliegt. Uber den Fragen der Akzeptanz liegt weitgehend noch Dunkel. Betrachtet man die neuen Medien als «Ware», so müssen sich diese ihren Markt erst mit allem Risiko erobern. Dieser Durchsetzungsprozess steckt aber voller Unsicherheiten, da er nur phasenweise, in langsamen Schüben vorankommen wird.

 

Angesichts dieser Unsicherheit lässt sich vielleicht sogar die These vertreten, dass es sich eher um einen evolutionären als um einen revolutionären Prozess handle. Hans L. Merkle, Boss bei Bosch, hat diese Meinung in einem Vortrag über «Die Zukunft unserer Arbeitswelt» mit überzeugenden Argumenten vertreten. Von einem Schock, von negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, kann jetzt jedenfalls überhaupt noch keine Rede sein. Im Gegenteil: erkennbar ist ein Investitionsschub, der neue und dazu qualifizierte Arbeitsplätze schafft. Die Entwicklung mag sich da und dort umdrehen, aber niemand vermag vorauszusagen, wann und in welchen Dimensionen. Technische Innovationen, wie etwa das Telefon, haben Generationen gebraucht, ehe sie in unsere Arbeitsund Lebenswelt voll integriert wurden, ökonomisch gesprochen: bis die Bedarfssättigung erreicht war.

 

Bei einigen der neuen Medien wird sich die Entwicklungsspirale noch langsamer drehen. Exemplarisch gilt dies für Videotex. So lange sich Informationsumfang und Informationskomfort in bescheidenen Grenzen halten, so lange werden die Nutzer abwarten. Je geringer aber umgekehrt die Zahl der Endabnehmer, desto bescheidener die Marktchancen der Anbieter. Noch einmal umgedreht: je undurchschaubarer das Investitionsrisiko, desto geringer die Investitionsbereitschaft.

 

Dieser doppelte Bremseffekt wird also verhindern, dass sich Videotex auf einen Schlag durchsetzt. Das langsame Hochschaukeln zwischen Benutzer und Anbieter braucht seine Zeit. Noch mehr gilt dies für Systeme, die technologisch noch in den Kinderschuhen stecken, wie die Glasfaser. Verlässlich wissen wir zwar schon heute, dass sie die Netzstruktur der Zukunft mit phantastischen Nutzungsmöglichkeiten bestimmen wird - dennoch müssen wir abwarten, bis sie industriell «ausgereift», also ökonomisch auf breiter Front einsetzbar ist.

 

Soll mit den Hinweisen auf die Langwierigkeit des Strukturwandels seine Bedeutung verharmlost werden? Keineswegs. Denn die Integration der unterschiedlichen Technologien mag mühselig vorankommen, sie wird aber ebenso unaufhaltsam wie stetig sein. Dieser Prozess besitzt ohne Zweifel eine historische, fast alle unsere Lebensformen berührende Relevanz. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt, bis hin zu Nutzungsformen, die noch nicht einmal als futuristisch zu bezeichnen wären, da sie im Labor bereits realisiert sind. Gleichwohl möge man sich ausmalen, was es heissen kann, wenn eines (fernen) Tages etwa Chinesen und Deutsche direkt miteinander palavern können, weil der zur «Spracheingabe» fähige Computer alles mit elektronischer Zungenfertigkeit «übersetzt». Ebensowenig sind integrierte «Endgeräte» in Grösse einer Armbanduhr utopisch, mit deren Hilfe man auf der «Mattscheibe» fernsehen und dann auch noch rund um den Globus telefonieren kann.

 

Tummelplatz der falschen Propheten

Die neuen Medien werden also mit Sicherheit eine Dynamik entwickeln, der sich nichts und niemand entziehen kann. Schon deshalb, weil ihre Wirkung grenzüberschreitend, genauer gesagt, erdumspannend sein wird. Nationale Abwehrstrategien, selbst wenn sie Sinn machten, wären zum Scheitern verurteilt. Die mangelnde Uberzeugungskraft der allmählich in die Minderheit geratenden Medien-Muffel brachte Josef Herbort in der «Zeit» auf die Formel: «Der Horror vor der Informationsgesellschaft und ihrer Technik ist eher Nichtwissen als Nichtkönnen.» Die wissenschaftlichen Auswertungen der auf kümmerlichen Spielwiesen veranstalteten Pilotprojekte füllen zwar bereits Bibliotheken, ihre Aussagekraft für die Zukunft ist gleichwohl mässig. Was soll über soziale «Umstülpungen» gesagt werden, deren Ablauf, Umfang und Tiefgang von niemandem vorausberechnet werden kann? Da ist schon eher richtig, was Karl Steinbuch, einer der Pioniere der Informatik, in seinem langen Leben als Wissenschafter erkundet hat: «Die meisten Voraussagen sind fragwürdig. »

Die neuen Medien - bevor es sie richtig gibt - sind zum Tummelplatz der falschen Propheten geworden, die ihre Emotionen für Erkenntnisse ausgeben und ihre Angste mit moralischen Massstäben verwechseln. Um sie mediengerecht zu charakterisieren, entwickeln diese «Schwarzseher» eine umgedrehte Zukunftsgläubigkeit.

Irritation und Faszination liegen nahe beieinander. Das ist nicht überraschend. Denn die wichtigsten Basistechnologien sind zwar einerseits verhältnismässig leicht überschaubar, ihre gegenseitige Durchdringung und Potenzierung jedoch ist äusserst komplex. Im Detail wäre sie nur in dicken Wälzern halbwegs exakt darstellbar. Das Spektrum der Nutzungsmöglichkeiten übersteigt gelegentlich die Phantasie.

 

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt

Das wird am Beispiel deutlich. Zu den wichtigsten technologischen Komponenten gehört die Mikroelektronik, die einem für die neuen Medien durchweg charakteristischen Trend unterliegt:

Die Computersysteme werden - dank der Miniaturisierung der Schaltelemente - immer leistungsfähiger, immer sicherer, immer billiger und immer «intelligenter». Die Qualitätssteigerung war bereits in der Vergangenheit phänomenal. So ist etwa ein Mikrorechner Jahrgang 1984 über dreihunderttausendmal kleiner als der erste Grossrechner namens «Eniac» aus dem Jahr 1946. Gleichzeitig kostet er zehntausendmal weniger als sein Vorgänger. Das anschaulichste Beispiel für die unglaubliche Steigerungsrate im PreisLeistungs-Verhältnis hat sich ein Schweizer Informatiker ausgedacht:

Wenn das Auto in den letzten Jahren den gleichen technologischen Beschleunigungsprozess durchgemacht hätte wie die Elektronik, dann dürfte es nur noch zehn Franken kosten, müsste hunderttausend Kilometer pro Stunde fahren, könnte fünftausend Personen befördern und bräuchte für tausend Kilometer nur einen halben Liter Benzin. Charakteristisch für Videotex und für die Zukunftsperspektive der neuen Medien insgesamt ist das Leistungsmerk-mal einer weitgehenden Unabhängigkeit von Raum und Zeit. Die Zeitung beispielsweise wird nur einmal am Tag gedruckt und ausgeliefert. Videotex dagegen wird rund um die Uhr abrufbar sein, und die Informationen sind von jedem beliebigen Ort einholbar. In diesem Strukturprogramm liegt einer der Beweise dafür, dass sich die Zeitungsverlage mit den neuen Medien auseinandersetzen müssen, wollen sie nicht von der Entwicklung überrollt werden. Welche Folgen diese explosionsartige Erweiterung des Datenbestandes und seine «benutzerfreundliche» Erschliessung für die gesamte Wirtschaft - speziell für einzelne Branchen wie die Banken, Verlage, Versandhäuser und viele andere - haben wird, dies kann keiner voraussagen. Nur dass sie eintreten werden, lässt sich ohne Risiko «prophezeien».

Unabhängig von Raum und Zeit

Eine massgebliche Rolle für das Tempo des technologischen Wandels spielt das Netzsystem, das als Nahtstelle für alle neuen Medien quasi als Transportmittel für Informationen aller Art - vom Schriftzeichen über den Ton bis zum Bewegtbild - eine kaum zu überbietende Bedeutung erlangen wird. Diese Netze erst schaffen die Voraussetzung für die sogenannte «interaktive Kommunikation», also für den unmittelbaren Kontakt zwischen Anbieter und Abnehmer. In der Endphase des Umbaus der Netzstruktur wird durch die Digitalisierung der unterschiedlichsten Informationen und durch Umrüstung auf Glasfaser die Durchflussmenge -sei es an «Diensten» oder Fernseh- und Rundfunkprogrammen - keinem Engpass mehr unterliegen. Dieses Universalnetz von morgen wird dafür sorgen, dass die bisher so unterschiedlichen Systeme «kompatibel», dass sie miteinander «vernetzbar» werden. Um mit dem Philosophen Hegel zu sprechen, die Grenzen zwischen unterschiedlichen Technologien werden «flüssig». Noch bedeutsamer: der Weg wird frei zu einer multimedialen Mehrfachnutzung.

 

Wenn aber die technologischen Grenzen «flüssig» werden, dann verwischen sich gleichzeitig auch die Grenzen zwischen den klassischen Medien - den öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehanstalten, den Zeitungen, den Verlagen und anderen Informationsanbietern. Der grosse medienpolitische Grenzverkehr ist bereits voll im Gange, ohne dass klar wäre, wo und wie er endet. Erkennbar ist nur: alles gerät «in Fluss», am Himmel (siehe Satelliten) und auf Erden (siehe Verkabelung).

 

Angesichts dieser tiefgreifenden Umwälzung wäre es töricht, problematische Aspekte und ernst zu nehmende Risiken leugnen zu wollen. Denkbar ist eine zunehmende Trivialisierung der Programme, eine gefährliche Ausweitung des Fernsehkonsums (zur Zeit geht er zurück), eine Informationsüberflutung, die als Reizüberflutung zugleich (politisch) abstumpft. Welche Auswirkung wird der Konkurrenzkampf der Medien auf deren wirtschaftliche Struktur, auf deren publizistisches Selbstverständnis haben? Welche Triumphe werden der Proporz und die politische Gängelei noch feiern? Skepsis ist angebracht und Wachsamkeit.

 

Was war vor dem Fernsehen? Heile Welt?

Dennoch muss man sich vor falschen Prognosen hüten. Sie sind billiger zu haben als richtige. Wir wissen noch nicht einmal Verlässliches über unser bestehendes Fernsehen. Hat es denn nur verdummt? Ist Unterhaltung immer nur des Teufels? Hat das Fernsehen der Demokratisierung geschadet oder genützt? Was machen die Leute, wenn sie nicht fernsehen? Lesen sie da wirklich nur gescheite Bücher und polieren ihre Bildung auf? Was haben sie getrieben, als es noch kein Fernsehen gab? Heile Welt gespielt?

 

Skepsis kann gewiss nie schaden, aber mit gutem Recht lassen sich auch höchst positive Argumente für die neuen Medien einbringen. Die Mikroelektronik etwa hat folgende Vorzüge: sie ist umweltfreundlich, rohstoffsparend, produktivitätssteigernd, kostengünstig und obendrein eines der wirksamsten Instrumente für ökologische Kontrollund Steuerungsmechanismen. Erhard Eppler müsste frohlocken, denn die Mikroelektronik ist das klassische Element für qualitatives Wachstum. Das kann übrigens jedermann nachprüfen, der seine Heizung elektronisch steuert, dabei den Geldbeutel schont und den Schadstoffausstoss aus seinem Kamin verringert. Die Elektronik ist einer der wenigen Bereiche, in denen noch Wachstums- und Innovationschaneen bestehen. Es gibt nicht mehr viele.

 

Aber werden nicht Arbeitsplätze «zerstört»? Zweifellos. Doch genauso werden auch wieder neue geschaffen und teilweise mit erheblich höherer Qualifikation als die bestehenden. Würden wir die Hände in den Schoss legen, dann läge der Verlust an Arbeitsplätzen wesentlich höher. Dann brauchten wir uns nicht länger über die «Sozialverträglichkeit» der neuen Medien den Kopf zu zerbrechen, sondern nur noch über die Sozialverträglichkeit des Nichtstuns.

 

 

Aus Ciba-Geigy-Magazin 3/1984