"Jetzt schaffen wir den Fernseher ab!"

von PHYLLIS THEROUX

 

Wenn die Mattscheibe dunkel wird, kommt das Familienleben wieder zu seinem Recht

 

DIE MEISTEN VON uns würden abstreiten, dass sie fernseh-süchtig sind. Aber für mich und meine Familie muss ich es zugeben. An unzähligen Tagen, ja viele Wochen lang haben wir stundenlang vor dem Bildschirm gesessen. Entweder fror es draussen, oder ich kochte innerlich, oder die Kinder waren krank und wollten unterhalten sein. Offenbar gibt es immer einen Grund, das Fernsehgerät einzuschalten.

 

Die Erwachsenen berufen sich darauf, dass sie eine strenge Auswahl treffen, aber jeder hat seine Lieblingsprogramme; und wenn uns die täglichen Pflichten auch viele Stunden lang in Anspruch nehmen, die Tatsachen sprechen dafür, dass wir fernsehen, sobald wir können. Ob aus eigenem Entschluss oder einem Zwang gehorchend, ist eine andere Frage. Jedenfalls kann man sagen: Ist das Fernsehen einmal zur Gewohnheit geworden, so verlieren wir die Fähigkeit und das Bedürfnis, uns anderen Formen der Entspannung und Unterhaltung zuzuwenden.

 

Diese Abende ohne Gespräche, wenn jedermann bequem zusammengerollt eine Fernsehsendung nach der anderen an sich vorüberziehen lässt, summieren sich auf die Dauer zu einem grossen, formlosen Klumpen Zeit, und wenn wir uns an das, was wir gesehen haben, zu erinnern versuchen, fällt uns nichts mehr ein.

 

ICH WAR neun, als meine Eltern ein Fernsehgerät anschafften. Das Bild war verschwommen und "schneeig". Wenn ich mich wirklich entspannen wollte, verbrachte ich die faulen Nachmittage und die langen Abende mit anderen Dingen: Ich las, spielte Dame oder schrieb Romane in mein Tagebuch. Doch was für Erinnerungen werden meine drei Kinder später haben? Einige Erlebnisse der letzten Zeit haben mich veranlasst, mir diese Frage zu stellen - und schließlich einen Entschluss zu fassen.

 

Eines Nachmittags merkte ich, dass ich meinen Kindern vorgeschlagen hatte, nach oben zu gehen und den Fernseher einzuschalten, nur damit ich die Kurzgeschichte zu Ende lesen konnte, die ich angefangen hatte. Ich hatte ihnen also meiner Lektüre zuliebe etwas angetan, was nicht gut für sie sein konnte, und ich schämte mich. Das war das erste "Klick".

 

Dann kam ein Zirkus in die Stadt, und die ganze Familie ging hin. Das Zelt war ausverkauft, und der Dompteur, den blonden Kopf tief im Rachen eines Tigers, wehrte 14 andere gefährliche Tiger ab. Es hätte ein Augenblick höchster Spannung sein können. Aber nein. Wie reagierte das Publikum? Ein müdes Beifallsklatschen - sonst nichts. Ich sah meine Kinder an, die gelangweilt in die Manege starrten, und sagte mir, dass ihnen diese Raubtiernummer kaum imponieren konnte. Sie hatten ja im Fernsehen den Roboter gesehen, der den Sturz eines riesigen Baumstamms mit einer einzigen Bewegung seines perfekten mechanischen Arms aufhielt. Da machte es bei mir zum zweitenmal "Klick".

 

Das harmlose Geplauder meiner Kinder reicherte sich unverkennbar mehr und mehr mit Werbeslogans an. "Ja, Mami", rief eines auf meine Frage, ob es sich die Zähne geputzt habe, "damit ich noch mit achtzig kraftvoll zubeissen kann." Ein anderes meinte beim Anziehen frischer Wäsche: "Oh, ist die weiß. Weisser geht's nicht." Das war das dritte "Klick". Vor einigen Monaten nahm ich an einer Wochenendfreizeit meiner Kirche teil. Beim Frühstück stellte meine rechte Nachbarin sich vor und fragte: "Welches sind Ihre liebsten Fernsehsendungen?" "Was möchten Sie wissen?" fragte ich zurück, denn ich glaubte, es handle sich vielleicht um eine Meinungsumfrage. "Ach", antwortete sie, "ich dachte nur, wir könnten ein Gesprächsthema finden, das uns beide interessiert." "Klick" Nummer vier.

 

Bei einem Abendessen kam das Gespräch auf die Fußballmannschaft der Oberschule. "Es ist nicht mehr wie früher"' sagte einer der Gäste. "Die Zuschauer benehmen sich, als wäre das Spiel eine Fernsehsendung. Kein Geschrei, kein Hochspringen bei einem Tor. Manche wundern sich wohl, dass nicht sofort eine Wiederholung in Zeitlupe gezeigt wird." Das fünfte "Klick".

 

"Jetzt ist es soweit", verkündete ich. "Morgen wird unser Fernseher abgeschafft." Und so geschah es - zum vierten mal. Der läppischen Trickfilme überdrüssig oder dem Rat wohlmeinender Freunde folgend, hatte ich das Fernsehgerät schon mehrmals verbannt, aber immer nur vorübergehend. Wenn ich es versteckt hatte, war es wiedergefunden worden. Wenn es kaputt war, war es wunderbarerweise von selbst wieder heil geworden. Doch diesmal stand mein Entschluss unwiderruflich fest.

 

JETZT beschäftigen wir uns mit Dingen, auf die wir früher, als wir Fernsehen hatten, nie gekommen sind. Die Kinder haben sich der neuen Lebensform erstaunlich schnell angepasst. Sie denken sich neue amüsante Beschäftigungen aus. Neue Spiele erscheinen auf dem Tisch, Bücher werden aus den Regalen geholt. Die Kinder haben entdeckt, wie hübsch es ist, sich mit einem Spielzeug zu beschäftigen. Eines Abends setzten alle drei sich spontan an den Küchentisch, um Briefe an ihre Vettern zu schreiben. Es ist nicht mehr ungewöhnlich, dass sie nach dem Abendessen sitzen bleiben und sich mit mir unterhalten. Ausserdem: Ihre Sprache klingt wieder natürlicher, und ihr Wortschatz enthält immer weniger Schlagworte, die sie am Fernseher aufgeschnappt haben.

 

"Was ist das Beste daran, dass wir kein Fernsehen mehr haben?" fragte ich sie einmal. Der wortgewandteste Älteste antwortete für alle. "Man kommt dazu, was zu tun." Da wurde mir erst richtig klar, wieviel ihnen durch das Fernsehen entgangen war!

 

Artikel aus DAS BESTE aus Reader's Digest ca. 1980